ICILS 2018: Deutschland digital abgehängt - Die Schulwerkstatt

ICILS: Deutschland digital abgehängt

Digitale Bildung im internationalen Vergleich

Von April bis Juli 2018 nahm Deutschland zum zweiten mal nach 2013 an der International Computer and Information Literacy Study (ICILS) der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) teil. Diese untersuchte zum einen die computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Achtklässler*innen sowie zum anderen die Rahmenbedingungen dieses Kompetenzerwerbs in weltweit 14 Bildungssystemen (neben Deutschland unter anderem Chile, Dänemark, Frankreich, Kasachstan, Uruguay und die USA). Grundlage hierfür waren die Testung und Befragung von Schüler*innen sowie die Befragung von Lehrkräften, Schulleitungen und der IT-Koordinator*innen. In Deutschland nahmen insgesamt 3.655 Lernende an Schulen aus allen Bundesländern an der Studie teil.1

Inhalt der Studie

Unter computer- und informationsbezogenen Kompetenzen versteht die IEA individuelle Fähigkeiten, die es einer Person ermöglichen, digitale Medien zum Recherchieren, Gestalten und Kommunizieren von Informationen zu nutzen und zu bewerten. Hierdurch soll eine aktive Teilhabe in der Schule, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft ermöglicht werden. Zum Beispiel zählt hierzu das Vermögen, im Internet gefundene Informationen kritisch auf ihre Korrektheit zu überprüfen und nicht der erstbesten Quelle zu vertrauen. Die Autor*innen der Studie unterscheiden insgesamt vier Teilbereiche. Grundlage der digitalen Kompetenz ist demnach (I) ein solides Wissen zur Nutzung von Computern. Hinzu kommt die Fähigkeit Informationen zum einen (II) zu sammeln und zu organisieren sowie zum anderen (III) selbst zu erzeugen. Im Teilbereich (IV) Digitale Kommunikation wird zudem der Austausch über Informationen berücksichtigt.

Zusätzlich wurden Kompetenzen im Bereich Computational Thinking betrachtet. Hierzu gehört beispielsweise die Fähigkeit, Probleme zu konzeptualisieren und Lösungen mit Hilfe von Algorithmen oder Programmen zu entwickeln. Zu den Rahmenbedingungen des Erwerbs digitaler Kompetenzen zählen unter anderem die Ausstattung mit digitalen Endgeräten und WLAN und die Art der Nutzung digitaler Medien im Unterricht.

Digitale Fähigkeiten von Schüler*innen in Deutschland nur Mittelmaß

Hinsichtlich der computer- und informationsbezogenen Kompetenzen platziert sich Deutschland im oberen Mittelfeld (518 Punkte). Damit liegt Deutschland zwar über dem internationalen Mittelwert (496 Punkte), konnte sein Ergebnis im Vergleich zu 2013 jedoch nicht verbessern (523 Punkte, kein signifikanter Unterschied zu 2018). Spitzenreiter ist Dänemark mit 553 Punkten, aber auch Südkorea (542 Punkte) und Finnland (531 Punkte) liegen vor Deutschland. Schlusslicht ist Kasachstan mit 395 Punkten. So sind nur 24% der Achtklässler*innen aus Deutschland in der Lage digitale Medien selbstständig und reflektiert in unterschiedlichen Kontexten anzuwenden (internationaler Mittelwert: 21%). In Südkorea und Dänemark sind dies 40% bzw. 39%, in Italien und Kasachstan hingegen lediglich 7% und 4%. Auch im Bereich des Computational Thinkings belegen Südkorea (536 Punkte) und Dänemark (527 Punkte) die Spitzenpositionen, während Schüler*innen in Deutschland (486) unter dem internationalen Mittelwert von 500 Punkten liegen.3

Technische Infrastruktur der Schulen mangelhaft

Im Gegensatz zu den durchschnittlichen Kompetenzen der Schüler*innen zeichnet sich bezüglich der schulischen Rahmenbedingungen digitaler Bildung in Deutschland ein negatives Bild.

So steht in Deutschland durchschnittlich ein digitales Endgerät für zehn Schüler*innen zur Verfügung. Zwar liegt Deutschland hiermit über dem internationalen Durchschnitt von 13 Lernenden pro digitalem Endgerät, jedoch deutlich hinter anderen Industrienationen wie den USA (1,6 : 1) oder Dänemark (4,6 : 1). Problematisch ist, dass dies nicht durch von den Schüler*innen mitgebrachte Endgeräte ausgeglichen wird. Während in Dänemark 90% der Schüler*innen einen Laptop oder ein Tablet zu unterrichtlichen Zwecken mit in die Schule bringen, ist dies in Deutschland nur bei 15% der Fall. Im internationalen Vergleich weisen nur Kasachstan (11%) und Frankreich (7%) niedrigere Werte auf. Alarmierend niedrig ist auch die WLAN-Versorgung an Schulen in Deutschland: Nur 26% der Achtklässler*innen gaben an, eine Schule zu besuchen, an der sowohl die Lehrenden als auch die Lernenden Zugriff auf WLAN haben. Unterdurchschnittlich häufig nutzen Schulen in Deutschland zudem Lernmanagement-Systeme wie itslearning oder Google Classroom (45% im Vergleich zu 65% im internationalen Durchschnitt).4

Katastrophaler Stand der Lehrkräfteaus- und -weiterbildung

Neben der technische Ausstattung weist vor allem die digitalisierungsbezogene Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte erhebliche Defizite auf. Jeweils nur etwa ein Viertel der befragten Lehrer*innen gab an, innerhalb des Studiums gelernt zu haben, wie digitale Medien im Unterricht verwendet werden können (internationaler Durchschnitt: 42%). Des Weiteren besuchten weniger als ein Drittel der Lehrpersonen Weiterbildungen zur Integration digitaler Medien in den Unterricht, womit Deutschland erneut deutlich unter dem internationalen Mittelwert von 46% liegt. Dementsprechend verwundert es nicht, dass die Digitalisierung der Bildung in Deutschland weniger wichtig als in anderen Ländern bewertet wird: Lediglich 41% der befragten Lehrer*innen gaben an, dass der Einsatz digitaler Medien an ihrer Schule Priorität habe (internationaler Durchschnitt: 86%).5

Potential digitaler Medien nicht erkannt

Die mangelhafte Ausstattung sowie Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals spiegelt sich auch in einer unzureichenden Nutzung digitaler Medien im Unterricht wieder. Zwar nutzen drei Fünftel der Lehrer*innen digitale Medien mindestens einmal in der Woche im Unterricht (2013: 34%), im internationalen Vergleich hinkt Deutschland jedoch auch hier hinterher (internationaler Durchschnitt: 78%). In Dänemark und Finnland sind es sogar 95% bzw. 82%. Nur in Uruguay ist der Wert mit 41% noch geringer. Selbst im Fach Informatik gaben nur 60% der Achtklässler*innen in Deutschland an, digitale Medien zumindest gelegentlich zu nutzen (internationaler Durchschnitt: 77%). Auffällig ist zudem, dass Lehrpersonen in Deutschland digitale Medien vordergründig zum Präsentieren von Informationen im Frontalunterricht verwenden (44%).

Demgegenüber nutzen nur 15% digitale Medien zur individuellen Förderung von Lernenden (internationaler Durchschnitt: 36%). Noch seltener (10%) dienen digitale Medien zur Unterstützung kooperativer Arbeitsweisen (internationaler Durchschnitt: 29%).6

Mittelmäßige Kompetenzen bei mangelhafter Ausstattung und Nutzung

Für Deutschland ergibt sich so ein differenzierter Befund: Während die digitalen Kompetenzen der Schüler*innenschaft im Mittelfeld liegen, weisen die technische Ausstattung der Schulen, die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte sowie die Nutzung digitaler Medien im Unterricht erhebliche Mängel auf. So überrascht es nicht, dass die IEA Deutschland bescheinigt, den Anschluss in Sachen digitaler Bildung verloren zu haben. Die häufig zu hörende Klage, digitale Bildung stecke in Deutschland noch in den Kinderschuhen, wurde also bestätigt. Neben einer Verbesserung der IT-Ausstattung und des IT-Support der Schulen, wird vor allem die Weiterentwicklung der Lehrer*innenaus- und weiterbildung empfohlen. Des Weiteren müssten Konzepte entwickelt werden, die auf ein lebenslanges digitales Leben vorbereiten.7

Digitaler Stillstand in Deutschland

Erschwerend kommt hinzu, dass im Vergleich zu 2013 nur geringfügige Verbesserungen zu verzeichnen sind. Zum einen konnte keine Steigerung der digitalen Kompetenzen der Schüler*innen festgestellt werden. Zum anderen hat sich auch die Verfügbarkeit von Computern in der Schule kaum erhöht. Waren es 2013 12 Schüler*innen die auf einen Computer kamen, konnte 2018 ein Wert von 10: 1 festgestellt werden. In Norwegen waren hingegen bereits 2013 nur zwei Lernende, die sich einen Computer teilen mussten. Dementsprechend hat sich die Bewertung der IT-Ausstattung durch IT-Koordinator*innen weiter verschlechtert. So widersprachen 2013 immerhin 46% der Aussage, dass zu wenige Computer für Unterrichtszwecke vorhanden seien. 2018 waren es hingegen nur noch 36%.

Ebenfalls schlechter bewertet wird die Geschwindigkeit des Internetanschlusses. 69% der befragten IT-Koordinator*innen gaben diesen als unzureichend an (2013: 49%). Gleichwohl kann eine Steigerung der Nutzungshäufigkeit digitaler Medien im Unterricht durch die Lehrkraft festgestellt werden. Gut drei Fünftel der befragten Lehrpersonen geben an, digitale Medien mindestens wöchentlich im Unterricht zu nutzen (2013: 34%). Im Vergleich zu Dänemark ist Deutschland jedoch weiterhin weit abgeschlagen. Hier nutzten bereits 2013 80% der Lehrer*innen digitale Medien mindesten wöchentlich im Unterricht. Dieser Spitzenwert konnte auf knapp 95% im Jahr 2018 weiter gesteigert werden.8

Ziele der Schulwerkstatt bestätigt

In diesem Sinne stützt die ICILS unsere Forderung nach zeitgemäßer Bildung. Hierunter verstehen wir Unterricht, der die Lernenden befähigt, digitale Kompetenzen für ein lebenslanges Lernen zu erwerben. Auch stehen in einer veränderten Lernkultur nicht Frontalunterricht und Konkurrenz, sondern problemorientiertes und selbstgesteuertes Lernen sowie die Individualisierung von Lernprozessen im Vordergrund. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist der DigitalPakt. Zum einen werden den Schulen mit diesem finanzielle Mittel zum Ausbau ihrer finanziellen Infrastruktur bereitgestellt. Zum anderen ist diese Finanzierung an die Erstellung eines Medienentwicklungsplan gebunden. Hierdurch sind die Schulen dazu aufgefordert, ihre digitalen Medienkonzepte zu überdenken und nachhaltige Entwicklungspläne für die digitale Bildung der Schülerschaft zu entwickeln. Daher empfehlen wir jeder Schule, möglichst bald mit der Entwicklung eines eigenen Medienentwicklungsplans zu beginnen – wir unterstützen euch dabei gern!

1Birgit Eickelmann et al. (Hrsg.): ICILS 2018. #Deutschland. Computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im zweiten internationalen Vergleich und Kompetenzen im Bereich Computational Thinking. Online verfügbar. Zuletzt geprüft am 22.01.2020. Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0. Münster/New York 2019, S. 7/8.)
2Ebd., S. 9/10.
3Ebd., S. 13, 25, 123, 126.
4Ebd., S. 14, 147/148, 151, 153, 155.
5Ebd., S. 16, 18, 192, 224.
6Ebd., S. 17/18, 215, 220, 253.
7Ebd., S. 29/30.
8Ebd., S. 140, 142, 151, 159, 215.